BETONGOLD


MISTGABEL


MAPPING BASEL


OFFENES INSTITUT

Unterstützen • Mitgliedschaft
Kontakt • Newsletter
Recht auf Stadt
  MISTGABEL
Erstellt am 6. Juni 2019 von sb.

Blick nach Genf - Interview

In Genf gibt es einerseits eine vorbildliche Vernetzung unter solidarischen kleinbäuerlichen Betrieben und zudem einige innovative, regionale Ansätze, um die Über-/Unterproduktion zu regulieren und gleichzeitig die Konsument*innen wieder näher an die landwirtschaftliche Produktion bzw. Alltagsrealität heranzuführen.
Genf hat spannende Ansätze für eine nachhaltige, umweltschonende Landwirtschaft unterschiedlichen Ursprungs:

Genève Region Terre d’Avenir (GRTA)
GRTA ist ein 2004 gegründetes Label, das dem Kanton Genf gehört. Es beruht auf den folgenden vier Prinzipien:
1. Hohe Qualität der Waren
2. Die Waren müssen ausschliesslich aus der Nähe kommen
3. Die Rückverfolgbarkeit der Produkte muss garantiert sein
4. Die Produzent*innen müssen zu einem vertretbaren Preis verkaufen können

Der Kanton hat öffentliche Institutionen verpflichtet, einmal in der Woche ein GRTA-Menü
anzubieten. Der Direktverkauf wird durch eine vom Kanton betriebene Internetplattform begünstigt, auf welcher Gastronomiebetriebe direkt mit den Landwirt*innen in Kontakt treten können, um ihre Nahrungsmittel zu bestellen.

Affaire Tournerêve
L’ Affaire Tournerêve beruht auf einer Initiative der lokalen Landwirt*innen. 15 Landwirt*innen haben sich zusammengeschlossen, um eine Vertragslandwirtschaft zu betreiben. Man kann also beim Verein Produkte von unterschiedlichen Bäuer*innen bestellen. Entsprechend tauschen sich die Landwirt*innen auch aus und sehen sich als Partner und nicht als Konkurrenten. Dieser Zusammenschluss ermöglicht auch die gemeinsame Anschaffung und Nutzung von Verarbeitungsmaschinen.

Wo siehst du zentrale, eine nachhaltige und regionale Landwirtschaft ausmachende Punkte? Was haben diese für Potenziale, um tatsächlich die Ernährungssouveränität für eine bestimmte Region zu gewährleisten?
Ein zentraler Punkt für mich ist, dass die Landwirtschaft lokal verankert ist. Dies tönt vielleicht selbstverständlich, aber dem ist nicht so, wenn Dünger und Futtermittel zugekauft werden. Die Landwirtschaft muss standortgerecht sein, was in den meisten Fällen auch zu kleineren Tierbeständen führen würde.
Lokal verankert heisst auch, in der Bevölkerung verankert, also das es zu grösserem Austausch und Verständnis und zu mehr Wertschätzung zwischen Bäuer*innen und Städter*innen kommt.
Ich habe den Eindruck, dass man in Genf schon um einiges weiter ist als in Basel. Die Annahme der Ernährungssouveränität-Initiative und entstehende sowie vorhandene Strukturen zwischen Landwirt*innen und Konsument*innen sprechen dafür. Trotzdem ist es noch ein weiter Weg bis zur Ernährungssouveränität, und die Landwirtschaft hat mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen wie in der restlichen Schweiz. In Genf ist der Druck durch Billigprodukte aus dem Ausland durchaus vergleichbar mit der Situation in Basel.

Wie führt man nun eine verstädterte und verschwenderische, um nicht zu sagen Ernährungs-entfremdete Bevölkerung wieder näher an die Landwirtschaftliche Produktion heran?
Über kleinräumige Strukturen wie die Solidarische Landwirtschaft, Gemüsekörbe, Milch-Abos, Genossenschaften, Internetplattformen oder über einen bäuerlich-kollektiven Supermarkt, wie es bereits Modelle in Genf, Frankreich und New York gibt.

Und weshalb ist eine solche Entwicklung unabdingbar für eine würdevolle Existenz der Landwirt*innen und das Überleben deren Hauptzulieferern, den jeweiligen Ökosystemen und der Biodiversität?
Nur durch Vertragslandwirtschaft sind Bäuer*innen unabhängig von Preisschwankungen am Markt und preisdrückenden Big Player und können auf Biodiversität und Artenvielfalt eingehen.

Weshalb sollten die Konsument*innen (wieder) zu Prosumer ihrer eigenen Ernährungsgrundlage werden?
Laut Weltagrarbericht ist unser Ernährungssystem eine der wichtigsten Ursachen für den Klimawandel und das Artensterben, für Umweltverschmutzung, Wasserknappheit, vermeidbare Krankheiten, Kinderarbeit, Armut und Ungerechtigkeit. Dementsprechend sind wir in der Pflicht, uns mit unserer Ernährung auseinanderzusetzen, um die Situation zu verbessern.

Was sind vorstellungsgemäss Anreize, mit welchen man eine solche Mitmach-Bereitschaft (re)mobilisieren könnte? Was spielt Zeit bzw. das Sich-Zeit-nehmen diesbezüglich für eine Rolle?
Ich denke, eine Plattform wie Genf sie hat, auf der Produzent*innen mit Verarbeitungs- und Gastrobetrieben in Kontakt treten können, ist ein guter Anfang. Vielleicht könnte man dieses Modell übernehmen und auch auf private Haushalte erweitern. Wichtig ist, dass es überhaupt möglich und dabei nicht zu kompliziert ist. Aber es braucht auch den Willen zur Bereitschaft und die Überzeugung von der Notwendigkeit.

Wenn man davon ausgeht, dass für uns Zeit oft Geld ist, verlangt ein solcher Wandel eine gewisse Investitionsbereitschaft bei den Menschen. Wie könnte man sie dafür adäquat entschädigen?
Es hat eine Wertverschiebung gegeben: 1960 gingen noch 20% des Haushaltbudgets in die Nahrungsmittelbeschaffung. Heute sind es weniger als 7%. Zukunftsfähige Lebensmittel zu haben, die den Boden nicht kaputt machen, ist Entschädigung genug.

In Frankreich gibt es sogenannte „microfermes“ lokale Kleinbetriebe mit Verkauf ab Hof. Sind solche Alternativen auch hinsichtlich des Preisniveaus, also beim Preis des Endproduktes eine reale Alternative?
Das kommt sehr auf den Betrieb an. Es gibt Musterhöfe wie Bec Hellouin, bei denen es klappt, aber auch viele Höfe, in denen die Rechnung nicht aufgeht. Gerade in dieser Art der innovativen, kleinräumigen Landwirtschaft braucht es mehr junge Menschen, die den Schritt wagen und ein Projekt anreissen. Die Preise der jetzigen Billigproduktion zu unterbieten oder mit denen zu konkurrieren sehe ich nicht als erstrebenswert. Da dieses Gemüse aus einem völlig anderen Ökosystem kommt, nämlich nicht aus gespritzten Monokulturen, darf es auch einen anderen Preis haben. Aber da durch Direktverkauf die Marge der Händler wegfällt, ist der Preis durchaus vergleichbar.

Und wie sehr muss eigentlich das Selbstverständnis verschwinden, dass die Konsument*innen generell nur noch das Endprodukt im Blick haben, während die Gesamtheit der Produktion, und somit auch deren Kosten, aus dem Bewusstsein verschwindet?
Wichtig wäre schon ein Bewusstsein für Saisonalität. Also zu schauen, dass nicht immer alles verfügbar ist. So würden bereits jede Menge Ressourcen gespart werden, und ich glaube, das wäre ein Anfang, um uns wieder näher an die Kulturpflanzen und somit an die Landwirtschaft allgemein zu bringen.

Globalisierung der Nahrungsmittelversorgung ist auf jeden Fall quatsch.
Sind autonome Teilregionen und somit evtl. auch eigene „Preisregionen“ vorstellbar?

Da bin ich ehrlich gesagt etwas überfragt. Um aussagekräftige Antworten geben zu können, müsste man wohl eine Region modellieren. Ich würde sicherlich bei der Regionalität anfangen. Solange ein lokales Produkt verfügbar ist, kann es nicht sein, dass ein billigeres von viel weiter entfernt dieses nur aus Preisgründen verdrängt.

----

Interview wurde geführt von sb. (red. stadtfueralle) mit:
Camillo, Umweltingenieurstudent (4. Semester) mit Vertiefung Biologische Landwirtschaft in Wädenswil. Hat im Kanton Genf auf einem für die Ernährungssouveränität engagierten Hof Berufserfahrung während eines Monats gesammelt.

Links:
https://www.geneveterroir.ch/
http://www.affairetournereve.ch/
https://la-feve.ch/
https://www.foodcoop.com/
https://www.weltagrarbericht.de/
Weiterlesen

Volksinitiative für "Ernährungssouveränität" - Argumentarium

Die Initiative will neue Wege für die Agrar-­‐ und Ernährungspolitik der Schweiz eröffnen. Ziel ist Zukunftsperspektiven für die aktiv Tätigen in der Landwirtschaft zu schaffen, den Erwartungen der Bevölkerung nach sozial und ökologisch nachhaltigen Lebensmitteln gerecht zu werden, die natürlichen Produktionsgrundlagen zu schützen und für einen fairen internationalen Handel einzustehen.
Teilen
Mail | Telegram