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Erstellt am 5. Juni 2019 von rl.

Vertiefung des Artikels ‘Gentechnik bedroht die bäuerliche Landwirtschaft‘ (Mistgabel-Print - Juni 2019)

Gentechnik ist eine wichtige Voraussetzung für die globale industrielle Landwirtschaft. Sie braucht herbizidresistente Pflanzen, damit diese möglichst rentabel auf den teilweise quadratkilometergrossen Feldern in Monokultur angebaut, maschinell mit Pestiziden abgeduscht und später geerntet werden können. Das sind die GVO (Genveränderte Organismen).
--- aus Mistgabel-Printausgabe (Juni 2019)

Transgene GVO
Die herkömmliche Gentechnik, also das Einfügen von artfremden Genen in das Genom diverser Pflanzen, ist die heute meist verbreitete Technik. Diese Pflanzen werden weltweit auf tausenden von Hektaren angebaut. Dafür werden weiterhin tausende von Hektaren Regenwald gerodet und tausende von Ureinwohner*innen und Kleinbäuer*innen von dem seit Generationen benützten Lebensraum vertrieben. Mit tausenden Tonnen Giften wird alles nicht der Produktion dienendes Leben zerstört - und Landarbeiter*innen und Angehörige werden ebenfalls gefährdet.

Cisgene GVO: die mildere Form der industriellen Landwirtschaft?
Keine Gene artfremder Organismen, nur noch diejenigen der wilden Vorfahren der Zielpflanzen, oder eine Vermehrung schon bestehender Gene der Pflanze, damit diese den zunehmend aggressiven Schädlingen widerstehen kann und schön nach Verpackungsnorm wächst. Der Nachweis eines Eingriffs ist viel schwieriger zu erbringen (und teurer), weil keine artfremden Gene vorhanden sind.

Genome Editing
In den zahlungskräftigeren Hauptabsatzgebieten der industriellen pflanzlichen (und via Futtermittel auch tierischen) Produkte wächst die Abneigung gegen agroindustriellen Frass, der oft noch mit Pestzidrückständen belastet ist. Eine neue Methode für einen genaueren Gentransfer zum GVO ist CRISPR/Cas9, momentan die wichtigste Exponentin für diese neue Transfertechnik. Mit Enzymen wird die DNA-Kette an bestimmten Punkten aufgeschnitten und das neue Gen eingefügt. Die agroindustrielle Lobby will uns diese Technik als präzise verkaufen und suggeriert durch geschickte Wortwahl, dass sie auch sicher ist. Was nicht zutrifft. Genome Editing ist kostengünstiger, die Anforderungen bei den Sicherheitsprüfungen können weniger streng sein, hofft die Agrarlobby.
Und wenn es bei cisgenen GVO keine artfremden Gene mehr hat, also der Nachweis der Manipulation schwieriger ist, so unterstehen diese Pflanzen nicht mehr dem Gentechnikgesetz, und als naturidentisch könnten sie den Weg in den Biolandbau finden, hofft die Agrarlobby.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am 25. Juli 2018 festgestellt: GVO bleibt GVO und muss entsprechend gekennzeichnet werden: grosses Wutgeschrei der Agrarlobby und Ende des Jubelkonzertes!


--- aus Mistgabel-Printausgabe (Juni 2019)


WEITER IM TEXT:

Zum Thema Gentechnik haben schon viele Personen geschrieben und Organisationen Stellungen erarbeitet. Es ist besser, diesen so weit wie möglich das Wort zu erteilen, und nicht erneut schon Gesagtes wiederzukäuen. Wer zuerst über unsere Zeitung MistGabel auf diese Seite gekommen ist, kennt den Unterschied zwischen transgenen und cisgenen GVO und weiss, was die neue Gentransfermethode CRISPR/Cas9 ist. Der Entscheid des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) vom 25. Juli 2018 sollte ebenfalls bekannt sein.

Das Urteil des EuGH vom 25.Juli 2018 hat den Erwartungen der Gentechlobby einen kräftigen Dämpfer verpasst. Es besagt, dass alle gentechnisch manipulierten Lebensmittel als solche gekennzeichnet werden müssen. Somit gelten auch cisgene GVO mit modernen Gentransfermethoden als kennzeichnungspflichtig, obwohl sie angeblich sicher sind ...

Ein kleiner „Tour d' Horizon“ um zu sehen, wie die Freunde der Agroindustrie, die Beobachter*innen und die GVO-Gegner*innen reagierten:
https://www.sueddeutsche.de/wissen/eugh-entscheid-das-steckt-hinter-dem-ueberraschenden-urteil-zu-gentechnik-1.4069294
https://www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/eugh-urteil-genfood-hat-in-europa-wohl-weiter-keine-chance/22841538.html?ticket=ST-842549-t2KO1TlWBzjCa5wqSRhV-ap4
https://www.biotech-gm-food.com/mutagenese-urteil-ohne-gentechnik-siegel
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/eugh-urteilt-zu-gentechniken-wie-crispr-cas-15708217.html
https://agrarinfo.ch/die-gen-schere-kein-top-verfahren/
https://www.biorespect.ch/natur-umwelt/neue-gentechverfahren/

Was macht die Politik?

Nun muss die Politik handeln. Der Bundesrat, anfänglich der Ansicht, die neue Gentechnik (Cisgentechnik mit Genschere) sei nicht dem Gentechnikgesetz zu unterstellen, weil sie naturidentisch operiere, muss seine Position revidieren. Was macht er? Er will die verschiedenen Verfahren nach Risikoklassen sortieren und die Prüfungsverfahren dementsprechend anpassen.

Zu diesem Zweck delegiert er die Ausarbeitung der Grundlagen an das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und verspricht eine Botschaft an die Räte für die zweite Jahreshälfte 2019. Weiteres ist noch nicht bekannt.
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-73173.html

Ein Schweizer Alleingang ohne Beachtung des Urteils des EuGH wäre wohl zu riskant.

Panikmache mit dem Klimawandel

Letzes Jahr herrschte Wassermangel, nicht zum ersten Mal in den letzten 20 Jahren. Und allmählich wird klar, dass die Landwirtschaft haushälterischer mit dem Wasser umgehen muss. Die Sorge über eine trockene Zukunft ist ein wichtiges Einfallstor für die Agroindustrie: Es braucht trockenheitsresistente Sorten!

Auch beim Schweizerischen Bauernverband scheint die neue Gentechnik auf offene Ohren zu treffen. Bezeichnend diesbezüglich ist die Delegiertenversammlung des Solothurner Bauernverbandes (SOBV) von Ende Februar 2019. Andrea Patocchi, Leiter der Gruppe Züchtungsforschung bei Agroscope, referiert über Genome Editing als Möglichkeit, trockenheitsresistentes Saatgut in bedeutend kürzerer Zeit als mit den herkömmlichen Methoden zu entwickeln.
https://www.sobv.ch/index.php/51-newsletter/702-referat-dv-sobv-19

Schon ist beim SOBV die Sympathie für diese Methode geweckt, so dass neben der Forderung nach bedeutenden Massnahmen im Bereich Wasserentnahme aus der Aare auch die Erwähnung der Gentechnologie für die Weiterentwicklung von Saatgut erhoben wird.
https://www.solothurnerzeitung.ch/solothurn/kanton-solothurn/risikolage-der-solothurner-bauern-auch-der-kanton-ist-gefordert-134151862

Hat Agroscope den Klimawandel verschlafen?

Seit mehr als 20 Jahren ˗ also ungefähr die Dauer für die herkömmliche Entwicklung von neuem Saatgut ˗ ist bekannt, dass die Schweiz beim Klimawandel von Wassermangel betroffen sein könnte. Es wäre also bei Vorhandensein einer brauchbaren Strategie möglich gewesen, wassersparende Methoden im Landbau und trockenheitsresistentes Saatgut zu entwickeln. Nun sollte dies in den nächsten fünf Jahren nachgeholt werden ˗ mit Hilfe von Gentechnik? Soso!

Der Einsatz von GVO birgt Risiken.

Für die Produzent*innen
Ertragsausfall:
https://gentechfrei.ch/de/themen/freisetzungen/1642-golden-rice-versagt-bei-versuchen-in-indien
sowie Kostenfallen und Gesundheitsschäden:
https://www.swissaid.ch/de/gruener-faden
https://www.infosperber.ch/Wirtschaft/Indien-Monsanto-geht-es-in-an-den-Kragen

GVO sind neben der schon erwähnten Herbizidresistenz auch darauf angelegt, einen möglichst hohen Ertrag pro Flächeneinheit zu erbringen, und/oder auch gegen bestimmte Schadinsekten resistent zu sein. Ein hoher Ertrag bedeutet mehr Dünger und Wasser. Die Resistenz gegen die Schadinsekten und auch der Ertrag nehmen mit der Zeit ab, so dass besonders Kleinproduzent*innen finanziell in den Ruin getrieben werden.
Die Schadinsekten werden gegen die von den GVO-Pflanzen produzierten Gifte immun, weil sie lange Zeit und intensiv diesen Giften ausgesetzt sind und somit nur die widerstandsfähigsten Exemplare überleben. Dank der raschen Generationenfolge bei Insekten bilden sich innerhalb von wenigen Jahren neue giftresistente Populationen dieser Schädlinge. Die Gifte werden unwirksam. Das kann auch Folgen haben für die Gesundheit der anderen benachbarten Nutzpflanzen.
Dazu: https://www.bund.net/landwirtschaft/gentechnik/risiken/insektenresistente-pflanzen/

Für die Konsument*innen
Allergien, evt. schleichende Vergiftung durch unbeabsichtigte Bildung von toxischen Eiweissen. Zuverlässige Studien dazu sind nicht auffindbar. Aber viel wahrscheinlicher sind langweilige und fade Lebensmittel.

Für die Umwelt
Übertragung der Resistenzgene auf Wildpflanzen, es entstehen Superunkräuter.
Ausgelaugte Böden und Rückgang der Biodiversität.
Weil GVO, entgegen den Behauptungen der Agroindustrie, den Pestizidverbrauch steigern, entstehen erhebliche Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt.

GVO sind keine Option für eine nachhaltige bäuerliche Landwirtschaft!

Unsere Zielsetzung einer Ernährungssouveränität ist mit der industriellen globalen Landwirtschaft nicht vereinbar. Zu gross ist das Risiko der Abhängigkeit von Grosskonzernen, zu gross der Schaden an Boden, Wasser und Klima, zu teuer der Preis, gemessen am kleinen Beitrag der industriellen Landwirtschaft zur Ernährung der Menschheit.
https://www.kleinbauern.ch/warum_gentechfrei/

Zum Abschluss noch einige Links für einen vertieften Einstieg in die Materie:
https://www.biorespect.ch/natur-umwelt/neue-gentechverfahren/
https://www.biorespect.ch/natur-umwelt
https://gentechfrei.ch/images/stories/pdfs/zeitung/181114_sag_gfi_102_web.pdf
https://gentechfrei.ch/de/genschutzzeitung

Schlussbemerkung: Wo liegt der Kern des Problems?

Ölpalmen sind keine GVO, Soja und Mais sind uralte Kulturpflanzen aus Asien oder Mexiko, die in vielfältiger Form traditionell gezüchtet wurden, um die Ernährung sicherzustellen. Heute verursacht ihr Anbau einen beispiellosen Raubbau. Von der bisherigen Vielfalt dieser Pflanzen werden nur wenige Sorten ˗ zudem teilweise genmanipuliert oder als Hybride ˗ grossflächig angebaut, und dafür verschwinden tausende Quadratkilometer an wertvollem Regenwald mitsamt dessen enormer Biodiversität. Die lokale Bevölkerung wird gewaltsam vertrieben oder mit falschen Versprechungen zu billigen Arbeitskräften versklavt. Am Schluss wird der grösste Teil der Ernte nach Europa verfrachtet und als Tierfutter oder Agrotreibstoff verwendet.

Eine Frage drängt sich auf: Würde der globale Westen ohne diese Zufuhr schlechter leben? Oder wäre der globale Süden ärmer ohne diese Ausbeutung? Wohl kaum. Einzig die globalen Profiteure müssten auf die Gewinne verzichten, die ihnen durch das Rotieren des globalen Hamsterrades in die Taschen gespült werden!

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Blick nach Genf - Interview

In Genf gibt es einerseits eine vorbildliche Vernetzung unter solidarischen kleinbäuerlichen Betrieben und zudem einige innovative, regionale Ansätze, um die Über-/Unterproduktion zu regulieren und gleichzeitig die Konsument*innen wieder näher an die landwirtschaftliche Produktion bzw. Alltagsrealität heranzuführen.
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